Von der Sanierung des Mülls in den Köpfen - Wilde Kippe Lüntenbeck
Dr. Antonia Dinnebier, Wuppertal
Die Wilde Kippe Lüntenbeck ist ein Projekt des DWB NW, das die Resozialisierung einer Mülldeponie in Wuppertal betreibt. Aus einem Gebiet inmitten der Unwirtlichkeit einer städtischen Grauzone soll ein Park werden. Ein Park, der den Besucher mit widersprüchlichen Empfindungen konfrontiert. Zeigt sich das Gebiet dem Auge unmittelbar als schöne Naturwildnis, so läßt das Wissen um seine Vergangenheit als Mülldeponie den Besuch auf der Wilden Kippe in einem anderen Licht erscheinen.
Im folgenden wollen wir uns dem Genius dieses Ortes von verschiedenen Seiten nähern. Dazu werden wir eine Zeitreise unternehmen, die uns in die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft führt.
1. Gegenwart - Vom Geist eines Unortes
Ausflug ins Grüne
Gehen wir los. Beginnend auf dem Hof von Schloß Lüntenbeck, einem ehemaligen adeligen Haus und Gutshof mit barockem Haupthaus, durchschreiten wir den Torbogen und steigen jenseits der Straße einen Hang hinauf. Unter den hohen grauen Stämmen der Rotbuchen gehen wir steil bergan. Rechts und links fällt die Grünblütige Nieswurz mit ihren seltsam blaßgrünen Blüten und scharfkantig eingeschnittenen dunkelgrünen Blättern ins Auge. Daneben schieben sich die glänzenden Blätter des Aronstabes gerade aus der Erde. Pflastersteine liegen halb versunken im Waldboden.
Wir schlüpfen durch einen Stacheldrahtzaun, bahnen uns mühsam den Weg durch dornige Brombeerwildnisse und scheuchen einige Rehe samt Bock auf, die rasch vor uns das Weite suchen. Nun geht es noch steiler den Berg hinauf. Es wird heller, über uns keine Baumkronen mehr. Der Wald lichtet sich. Dünne Stämmchen junger Eschen und Pappeln, Buddleia-Gebüsch und wilde Rosen, von Clematis-Lianen überwuchert, bilden eine dichte Pflanzendecke. Der Aufstieg ist beschwerlich.
Eine letzte Böschung und wir stehen auf einem Plateau. Keine Bäume mehr, wenige Sträucher. Zu dieser Jahreszeit noch die trockenen Stengel hoher Stauden aus dem letzten Jahr, die demnächst wieder durch ihre farbige Blütenpracht zur Bewunderung einladen. Wir sind im Grünen. - „Heitere Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande”. - Die Weite des Plateaus erhebt uns über den Wald, ja über die Tiefen des Wuppertales. Der offene Himmel hüllt uns ein, zieht den Blick nach oben. Wir stehen direkt unter ihm, stehen ihm gegenüber. Die Enge des Wuppertales, die Abgeschlossenheit der Lüntenbeck fallen von uns ab.
Der Blick schweift über das wunderbare Panorama. Die umliegenden Höhenzüge grüßen herüber. Zu unseren Füßen liegt ein riesiger blauer Fußball, ein Kugelgasbehälter. Mit einem Durchmesser von knapp 50 m der größte der Welt übrigens, als er Ende der 50ger Jahre errichtet wurde. Zwischen den entlaubten Buchen erkennen wir die Siedlung Lüntenbeck und die Gebäude des Schlosses. Weiter hinten ein Loch im Waldsaum, das der Bau eines Schnellstraßentunnels hinterlassen hat. Dann im Vordergrund Anlagen eines Kugellagerwerks und nur im Winter zu sehen ganz entfernt ein rosaner Wasserturm, das sogenannte Atta-Döschen. Es folgt der malerische Taleinschnitt der Wupper, der den Blick auf Elberfeld freigibt. Das Bild beherrscht vom Schornstein des städtischen Fernwärmekraftwerks, rechts oben die Bergische Gesamthochschule wie eine Festung auf dem Berg thronend. Unten ganz nahe saust der motorisierte Individualverkehr auf der B 224 vorbei. Dahinter ein Industriegebiet.
Nun haben wir uns einmal um die eigene Achse gedreht. Der Blick fällt wieder auf das Kippengelände, auf dem wir stehen. Laternenpfähle ragen hier und da aus dem Boden, doch sie tragen keine Lampen. Wir gehen weiter, finden tiefer gelegen weitere Plateaus getrennt durch steile, dicht bewachsene Abhänge. Um die Böschungen des Berges schrauben sich Wege, die z. T. auch schon ziemlich zugewachsen sind. Sie führen uns vom oberen Plateau hinunter zur Eisenbahn, die in Robinien gehüllt ist. Dann unter das Niveau der Bahn. Zur Linken steigt die Deponie steil auf.
Abwärts geht es durch ein irgendwie überdimensioniertes Tor, das aber offensteht, zum Tunnel. Ein Blick in ihn läßt auf der anderen Seite eine Straße erkennen. Wir gehen an der Tunnelöffnung vorbei und stehen bald unter der Autobahnbrücke. Bahndamm und Betonbrücke, das Dröhnen der über unsere Köpfe hinwegpolternden Autos. Beklemmung. Wenden wir den Blick nach dort oben, so sehen wir zwischen den beiden Fahrbahnen der B 224 hindurch den Himmel als schmales Band: Ein wunderbarer Himmelsstrich, den man als Raffinesse barocker Alleengestaltung kennt.
Zurück am Tunnel wenden wir uns einer anderen alten Auffahrt zu, die wir nur noch auf einem solch virtuellen Spaziergang betreten können. Die Brombeeren verwehren den leibhaftigen Zutritt vehement. Am Ende dieses Hohlweges stehen wir wieder in einem schönen alten Buchenwaldstück. Die Realität schiene meilenweit entfernt, wäre da nicht das ununterbrochene Tosen der Autobahn. Wir kommen noch an den Bienenstöcken eines Imkers vorbei und kehren an unseren Ausgangspunkt zurück.
Der Augenschein bewies, das Gelände ist eine interessante Immobilie: „Grüne Oase in innenstadtnaher Lage. Ausgesprochen gute Verkehrsanbindung, verwunschenes Grundstück mit Wildbestand, hohe Reliefenergie, wunderbare Aussicht“.
Peripherie im Zentrum
Aber die Aussichten des Geländes sind ja keineswegs glänzend, und das hat auch mit der abseitigen und zwiespältigen Lage der Wilden Kippe Lüntenbeck zu tun. Einerseits liegt sie am inneren und äußeren Stadtrand, zwischen zwei Ortszentren, die einmal eigenständige Städte waren; in so etwas wie der inneren Zwischenstadt also. Andererseits liegt der Ort mitten in der Stadt. Das Sonnborner Kreuz, seinerzeit das größte Autobahnkreuz Europas, zerschneidet das Tal der Wupper auf eine heute kaum mehr nachvollziehbar brutale Weise. Die Autobahn, die zwischen zwei Ortsteilen der bandförmigen Stadt niveaugleich durchgeschlagen ist, trennt Lüntenbeck von der Kernstadt Elberfeld. Sie begrenzt das Gebiet im Osten direkt und verlärmt es durch ihre unabgeschirmte Trassenführung. Doch wenn man vom Müllberg über die Autobahn hinwegblickt, liegt die City in Reichweite. Die Rheinische Bahnstrecke bildet die Begrenzung der Wilden Kippe nach Süden. Auf ihr ruht seit Jahren der Verkehr, sie ist noch in diesem Jahr von der endgültigen Stillegung bedroht. Dahinter schließen sich zwei Gewerbegebiete an.
Im Norden schiebt sich eine Kleingartensiedlung zwischen die Wilde Kippe und die angrenzenden Wohngebiete. Neben dem Getöse von Industrie und Verkehr findet sich hier die Behaglichkeit häuslichen Gärtnerns und der familiären Erholung. Zu ihnen gesellt sich im Westen ein Landschaftsschutzgebiet mit größeren Waldflächen. Am Kippenrand befinden sich zwei flächenhafte Naturdenkmäler. Inmitten dieser grünen Oase liegt Schloß Lüntenbeck mit seinen historischen Gebäuden, ein heftiges Kontrastprogramm zur südlichen und östlichen Nachbarschaft der Wilden Kippe.
Spontannatur und Stadtkultur
Wer die Wilde Kippe heute betritt, taucht, wie wir sahen, in eine abgeschiedene Oase ein. Mit Erklimmen des Plateaus erhebt man sich über die Umgebung. Das Grün dieses Gebietes signalisiert, daß man sich hier in einem Niemandsland befindet. Verwilderung, ja Verwahrlosung sind die Eindrücke, die die Wilde Kippe vermittelt. Der Besucher weiß sich gleich in einer anderen Zone, die jenseits des gewohnten Charakters der Stadt liegt. Im Gegensatz zum „richtigen“ städtischen Grün der Gärten und Parks einerseits und zum Forst andererseits ist auf so einem Gelände ablesbar, daß es aus dem Blick geraten ist. Das scheint so, weil keine Zuständigkeit oder Verwendung des Geländes zu erkennen ist. Die menschlichen Spuren, die auf der Wilden Kippe zu finden sind, verstärken gerade diesen Eindruck: ein Autowrack, Lumpen und andere Abfälle, Reste von Feuerstellen zeigen an, daß hier niemand aufräumt, daß keiner eine „sinnvolle“ Nutzung festgesetzt hat oder sich auf die Verwertung dieses Stückchens Erde verstünde. Man hat offenbar die Stadt mit ihrer urbanen Kultur und ihrem geschäftigen Treiben verlassen.
So hat das Erlebnis von Distanz wesentlichen Anteil am Genius loci der Wilden Kippe: Räumlich trennen die brausenden Verkehrswege und der Höhenunterschied das Gelände von der Stadt, inhaltlich das fremdartige Fehlen der üblichen Nutzung- und Nützlichkeitskennzeichen. Der Besucher tritt also aus seiner gewohnten Welt heraus - und steht doch mitten drin. Im Moment ihren Verbindlichkeiten entzogen, kann er einen anderen Blick auf sie werfen.
Die einen sehen hier aber dennoch nichts: Hier fehlt etwas, hier muß was hin, vor allem Ordnung und Definition; hübsche Bebauung und schöne Grünanlagen oder wenigstens ein Industriegebiet. Sie können dem Gelände wenig abgewinnen, denn es fehlt ihnen die Kultur. Andere nimmt die Wildnis jedoch gleich gefangen: Hier ist endlich mal was anderes als die öde Steinwüste der Stadt, hier ist Natur. Natur lesen sie als Freiheit, vor allem wenn sie soviel Unberührtheit ausstrahlt. Gleich folgen die Assoziationen der Natur, die sich die Kultur zurückerobert.
Doch die Wilde Kippe Lüntenbeck ist weder kulturlos, noch eine unberührte Wildnis; der Kontrast zwischen Stadt und Natur ist ein vielfach gebrochener: Den Charakter eines Niemandslandes besitzt das Gelände schließlich gerade, weil es von der Planung zum Abfallplatz erklärt und von der Stadt, ihren Bürgern und Behörden mit Müll angefüllt wurde. Und weil hier bis über den Rand nichts als Unrat und Schutt vergraben liegt, gilt der Berg nun als Altlast. Kulturelle Prozesse und Wertzuweisungen machen diesen Platz zu einem anrüchigen Ort. Sie sind auch der Grund, weshalb sich auf der ehemaligen Deponie ein Wildgelände befindet.
„Natürlich“ wäre bei diesem Gelände ein eher vorsichtig zu gebrauchendes Attribut, denn natürlich ist allein der Bewuchs der Wilden Kippe. Den Untergrund bilden aufgeschüttete Substrate, insbesondere die meterdicke Müllschicht. Wer nach dem Ausgangsgestein suchen wollte, der müßte sich 50 m in die Tiefe arbeiten. Die Bodenbildung hat mit dem Kalkstein dort unten freilich nichts zu tun. - Die Bodenkarte weist hier einen weißen Fleck aus. - Für die Vegetation entscheidend ist die Beschaffenheit und Mächtigkeit der Aufschüttungen, mit denen der Müll abgedeckt wurde. Urwald findet man auf der Wilden Kippe also nicht und ebensowenig eine ländliche Natur mit Wiesen und Weiden, Wäldern und Feldern. Die Hochstaudenfluren und der Pionierwald kennzeichnen den Müllberg vielmehr als Brachfläche, die mit Ruderalvegetation bewachsen ist, und eben das kann man als Inbegriff von Stadtnatur betrachten: Spontannatur nämlich, die eine Folge der Stadtkultur ist.
2. Kulturdenkmal – Vom Geist der Vergangenheit
Von der Grundherrlichkeit zur städtischen Altlast
Der Grund und Boden der Wilden Kippe gehörte einmal zu den Besitzungen von Schloß Lüntenbeck. Die Lüntenbecker Herren hatten hier seit langer Zeit eine Sandgrube betrieben, wie es sie in der Gegend verschiedentlich gab. Nachdem die Gute-Hoffnungshütte Oberhausen das Gelände 1899 gekauft hatte, wurde hier siebzig Jahre Dolomit-Kalk gebrochen und seit 1912 in einer Sinteranlage weiterverarbeitet. Auch der Kalkabbau ist kein Einzelphänomen, vielmehr im Zusammenhang mit der Erschließung des benachbarten Dornaper Gebiets durch die Kalkindustrie zu verstehen. Als der Steinbruch Ende der 60ger Jahre stillgelegt worden war und einen Krater von 30 m Tiefe hinterlassen hatte, begann die Stadt Wuppertal, den Steinbruch mit Müll zu verfüllen. Nach sieben Jahren war er randvoll. Die Deponie wurde weiter zur Ablagerung von Bauschutt und Erdaushub benutzt, bis ein 20 m hoher Hügel an die Stelle des Loches trat. Dann wuchs Gras über die Sache.
Sand, Kalk, Müll - so läßt sich die Geschichte der Wilden Kippe Lüntenbeck zusammenfassen. Sie hat sich aus dem Zusammenhang eines landwirtschaftlichen Gutes heraus zunächst zu einer Rohstoffquelle, dann zu einem Entsorgungsstandort entwickelt und endet bislang als Altlast.
Die Kippe als Dokument
Die Deponie Lüntenbeck ist ein wichtiges Kulturdenkmal, für dessen Unterschutzstellung eine ganze Reihe von Gründen spricht. Zunächst einmal besteht ein wichtiger Grund in der oben erwähnten Vorgeschichte, dem Kalksteinbruch, aber auch der Sandgrube des Lüntenbecker Gutes, die offenbar als Doline des hiesigen Kaarstgebietes einzuordnen ist. Der Steinbruch Lüntenbeck wurde ebenso zur Deponie wie der benachbarte Steinbruch Eskesberg. Die Verfüllung des durch die Ausbeutung entstandenen Kraters kann als historische Phase des Umgangs mit Steinbrüchen betrachtet werden. Ihr folgte die Phase der Rekultivierung als einer anderen Form, mit der man die nutzlos gewordenen Löcher wieder gesellschaftlichen Funktionen zuführte. Inzwischen freilich gilt es als ökologischer, wenn offengelassene Steinbrüche der Fauna und Flora anheimgegeben werden.
Die Deponie selbst steht für die Phase der entwickelten Wegwerfgesellschaft mit Mülldeponierung, die durch die Phase der undifferenzierten Müllverbrennung in eigens errichteten Müllverbrennungsanlagen abgelöst wurde. Natürlich ist diese auch schon wieder Vergangenheit, heute sortieren wir ja, recyclen einen Teil und verbrennen nur den sogenannten Restmüll. Deponiert werden nunmehr nur die Rückstände des Verbrennungsvorgangs. Die historische Phase der Mülldeponie, früher schlicht „Kippe” genannt, ist für Lüntenbeck kennzeichnend.
Ein dritter Grund, den verfüllten Lüntenbecker Steinbruch als Denkmal zu schützen, ist die Müllarchäologie. Die beiden Schichten von Müll und Bauschutt liegen unangetastet im Berg und werden kommenden Müllforschern über die Konsum- und Wegwerfgewohnheiten um 1970 Aufschluß geben. Außerdem ist der Berg mit seinem technoiden Relief der steilen Hänge, der umlaufenden Auffahrten und dem weiten Plateau unverändert erhalten.
Was sich nicht schützen läßt, ist die beachtenswerte Flora, die sich auf der Kippe während des Betriebes eingestellt hatte. Der „Schuttplatz Lüntenbeck”, der mit knapp 100 Nennungen in die Flora Wuppertal (1988) eingegangen ist, war einmal einer der artenreichsten Standorte Wuppertals. Hier fand sich etwa eine Reihe von seltenen Vogelfutterpflanzen, die über den Straßenkehrricht und den Sandfang der Klärwerke den Weg auf das Gelände gefunden haben. Doch mit dem Eldorado für Neophytenfreunde ist es zuendegegangen, seit die Fläche mit Lehm abgedeckt wurde und der Nachschub an Samendepots ausblieb; die seltenen Pflanzen sind nicht heimisch geworden.
Wir finden hier aber die seinerzeit durchaus übliche Form des Deponieabschlusses mittels Überschüttung des Mülls mit Bauschutt. Die Deponieerlaubnis lief 1988 mit Erreichen der festgelegten Endhöhe ab, aber die Deponie ist auch 10 Jahre danach, und das darf man wohl als Besonderheit ansehen, juristisch noch nicht abgeschlossen, also im formalen Sinn noch in Betrieb.
3. Künftige Geister - Erlebnisfeld für die Besucher
Die Absicht des Deutschen Werkbund ist es, aus der Deponie Lüntenbeck einen Naturpark besonderer Art zu machen. „Machen“ ist eigentlich das falsche Wort, denn der Park ist schon fertig. Oder anders gesagt, fertig wird er sowieso nicht. Vorhanden ist der anfangs beschriebene Berg, und bewachsen ist er auch schon. Um zum Park zu werden, bedarf die Wilde Kippe nichts weiter als einer Umdefinierung. Als amtlicher Vorgang ist das beileibe nicht wenig, und so wird bis zur offiziellen Ausweisung noch geraume Zeit vergehen.
Mit der Deklarierung als Park soll die Öffentlichkeit Einlaß in ein bislang versperrtes Gebiet erhalten und ein spezielles Bewirtschaftungskonzept installiert werden. Dann werden die Besucher hier verschiedene Erfahrungen machen können, die der gängige Stadtpark nicht zu vermitteln vermag:
_ Die Einheit von Schönem und Gutem zerbricht. Was wissenschaftstheoretisch ein alter Hut ist, wird zum emotionalen Problem, wenn sich wildes Grün mit Müll und Altlast statt mit Ländlichkeit und Gesundheit verbindet.
_ Vulgärökologische Gewißheiten geraten ins Wanken. Statt Harmonie und Gleichgewicht lernen wir das kreative Potential von Störungen kennen.
_ Entwicklungen erleben. Die Inszenierung der Sukzession macht den natürlichen Wandel erkennbarer und hält die Prozesse der Veränderung in Gang.
_ Natur ist lesbar. Auch wenn Sie Zweifel am Buch der Natur und seinem göttlichen Schriftsteller haben, entziffern Sie jeden Tag allerlei Spuren in der Natur. Doch Spuren lesen will gelernt sein.
Emotionen auf der Kippe
Konnten Sie während unseres Spaziergangs vielleicht verstehen, warum aus diesem Gelände ein Park werden soll, so mögen Sie diesen Plan in genauerer Kenntnis der Hintergründe nun vielleicht eher für ein Attentat auf den Bürger halten. Sicher, Experten weisen auf die vielartigen im Berg vermuteten Gifte hin und mögen ob der entstehenden Deponiegase nicht einmal eine Explosionsgefahr ausschließen. Es ist aber eher der geistige Sprengstoff der Kippe, der uns dazu bewegt, das Gelände nicht vor der Öffentlichkeit zu verschließen, wie es z. Z. der Fall ist und für die Zukunft festgeschrieben werden soll.
Was nun im einzelnen nötig sein wird, um Luft und Wasser vor Giften zu schützen, mag dahin gestellt sein. Was wir wollen, ist etwas, was bei einer rein ingenieursmäßigen Sanierung der Kippe unterbleiben wird: Wir wollen das corpus delicti im Bewußtsein halten, sein Problem nicht unter Plastikplanen bannen, sondern zur öffentlichen und privaten Auseinandersetzung feil bieten. Das Attentat, das die Wilde Kippe dem Besucher androht, ist somit eines auf Vernunft und Gefühl.
Wer möchte sich schon ins Gras legen, wenn er 30 m Müll unter sich weiß? - Und doch kommt der Besucher gerade dazu in Versuchung, wenn er den Berg erklommen hat und die Weite des in Wuppertal sonst eher beengten Himmels erfährt, die Aussicht genießt. Der Widerwille, der den Spaziergang über die Kippe begleitet, wird vom Wissen über den Untergrund genährt, der Blick erfährt die Sache anders. Naturstaffage ringsum: Wiese, Gebüsche und alten Buchen, vielerlei Blüten und Gräser, Insekten und eine stattliche Anzahl von Rehen sind zu sehen. Zwei widerstrebende Gefühle halten den Emotionshaushalt des Besuchers in labiler Lage. Wissen und sinnliche Eindrücke lassen sich hier schwerlich in Einklang bringen.
Damit tun sich offenbar auch die Planer schwer, haben sie doch den Rand des mit Müll verfüllten Kraters zum Naturdenkmal erklärt, weil es sich um einen Kalkbuchenhochwald handelt und dort schützenswerte Pflanzenarten wie die gelbe Anemone und die grüne Nießwurz wachsen. Die Prädikate „ökologisch wertvoll“ und „hoch belastet“ stehen sich nicht einmal gegenüber, sie stehen Seite an Seite.
Störung als kreatives Potential
In der Stadt laufen Spaziergänger über Grünflächen, verdichten Baufahrzeuge den Untergrund, schieben Bagger Wildwuchs beiseite, bringen Gärtner Gifte aus, verrichten Hunde ihre Notdurft, kurz massive Störungen sind an der Tagesordnung. Sie bewirken das Entstehen von Vielfalt, denn durch die Störungen wird das städtische Standortmosaik bereichert. Vor allem die kurzlebigen Arten, die als erste zur Stelle sind, wenn es etwas zu besiedeln gibt, erhalten so eine Chance, die Ihnen weder in Pflasterritzen noch in Parkanlagen geboten werden. Erst recht profitieren jene Pflanzen, die mit einem kurzen Lebenszyklus auskommen und sich bis zur nächsten Störung schon ausgesät haben. Nimmt die Sukzession dagegen ihren Lauf, so sind sie kurzfristige Durchgangserscheinungen, die auf Dauer ihren Lebensraum verlieren.
Stadtökologen untersuchen diese Prozesse und kommen zu dem Schluß, daß die Störung von Biotopen nicht nur von einigen Arten überlebt wird, sondern geradezu die Bedingung für das Gedeihen verschiedener Lebewesen bildet. Störung, d. h. nachhaltige Eingriffe in das Gefüge eines Standortes, unterbrechen nämlich den Gang der Sukzession. Landläufig nennt man so etwas Katastrophe. Doch die Störung stört nur den üblichen Ablauf der Vegetationsentwicklung und der führt an beinahe jedem Standort in Mitteleuropa früher oder später zum Wald. Dem einen oder anderen mag das gefallen, aus ökologischer Sicht aber wäre es ziemlich langweilig, denn im Wald wird wenig Abwechslung an Arten und Biotopen geboten. Artenvielfalt beruht historisch auf der Zurückdrängung des Waldes und damit auf Störung der natürlichen Sukzession.
Erstaunlich ist dies angesichts dessen, was wir dachten von den Ökologen gelernt zu haben. Die Verbreitung ökologischer Erkenntnisse hat in den letzten beiden Jahrzehnten das Naturbild der Öffentlichkeit maßgeblich beeinflußt. Sie hat dort das Bild einer sich in Fließgleichgewichten sanft bewegenden Natur geprägt, die das Wohlergehen aller zu sichern scheint. Menschliche Eingriffe schienen als Übeltäter erwiesen, es sei denn sie halten sich im Rahmen alt hergebrachter Wirtschaftsweisen, die gern mit Begriffen wie „naturnah“ oder „im Einklang von Mensch und Natur“ geadelt werden. Im Mittelpunkt dieses Naturbildes steht die Vorstellung von Harmonie, aus der auch der Mensch zu seinen eigenen Gunsten am besten nicht ausbrechen solle.
Die Entwicklungsgesetze der Stadtnatur gleichen nicht denen klassischer Ökosysteme: Die Böden in der Stadt passen kaum in das Raster herkömmlicher Lehrbücher, auch die Sukzession verläuft dort, wo Menschen immer wieder ins natürliche Geschehen funken, etwas anders. Und siehe da, das führt nicht nur zu den gefürchteten natürlichen Ungleichgewichten, sondern die menschliche Störung erweist sich auch als bereichernder Faktor in der Natur, der sogar ökologisch wertvolle Bestände hervorbringen kann.
Inszenierung des Wandels
Für die Wilde Kippe fällt der Zeitpunkt des größten Artenreichtums ausgerechnet in die Phase der Deponierung. In den letzten Jahren haben sich dort ruderale Rasen und Hochstaudenfluren eingestellt, in denen sich stellenweise bereits Bäume und Sträucher ausbreiten. Dieser Vorgang der Abfolge verschiedener Pflanzengesellschaften nennt sich Sukzession und wird auch an diesem Ort in ein Waldstadium übergehen.
Der Park ist zwar schon „fertig“, aber er wird sich selbst weiterentwickeln. Diesen Wandel verfolgen zu können, soll ein Angebot der Wilden Kippe werden. Das bedarf eines gartenkünstlerisch-stadtökologischen Konzeptes, damit die Veränderungen in Gang gehalten und interessant gestaltet werden. Die Parole lautet also nicht wie in der Gartenarchitektur üblich: Planen, Anpflanzen, Pflegen, sondern Inszenierung des Wandels. Eingriffe in die natürlichen Entwicklungsprozesse dienen üblicherweise dazu, einen vorher festgesetzten Zustand der Bepflanzung zu erreichen und dann stabilzuhalten. Hier jedoch wird mit den selbsttätigen Prozessen der Vegetation experimentiert werden, hier werden Gärtner Impulse für Entwicklungen geben, die sonst langsam oder gar nicht entstehen würden. Die Sukzession ist Bestandteil dieses Gestaltungskonzeptes. Sie wird benutzt, gelenkt, aber gegebenenfalls auch radikal unterbrochen.
Ein wichtiges Mittel dazu bildet die oben erläuterte „Störung“. Man kann sich also vorstellen, daß ein Bagger gelegentlich in Teilen des Gebietes Verwüstungen anrichtet. Was wie Zerstörung aussieht, ist die Herstellung einer Chance für andere Lebewesen, die nun mit der Neubesiedlung des Fleckchens beginnen werden. Der Park soll eben gar nicht fertig werden, sondern in Bewegung bleiben. Dabei ist es das Ziel, die Stadtnatur zur Selbstdarstellung zu bringen.
Spurenlegen - Spurenlesen
Der Besucher ist an den Veränderungsprozessen des Parkes beteiligt. Mehr oder weniger unfreiwillig und zufällig hat er an der Gestaltung Anteil. Diesen Umstand bindet die gartenkünstlerische Konzeption ein und sucht den Besucher für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Denken wir etwa an ein großes Volksfest mit allgemeinem Picknick auf dem Platteau, an die Durchquerung des Parks mit Fahrrädern oder Pferden oder einer Schafherde: Im konventionellen Sinne entstehen durch solche Ereignisse Schäden, Schäden aber sind die Ermöglichung von Neuem. Mitmischen kann der Besucher z. B. auch, indem er Samen im Gelände ausstreut.
Die selbst verursachten, die natürlichen und die künstlerisch inszenierten Prozesse zu beobachten, ist der Besucher eingeladen. Er kann diesem Werden zuschauen, es verfolgen, kennen und - wenn er will - auch verstehen zu lernen. Der Besucher ist dabei auch als Leser zu betrachten. Lesefutter bilden die vielfältigen Spuren im Gelände. Manche sind im Schnee besonders gut zu erkennen. Aber auch an der Vegetation läßt sich mancherlei ablesen. Ein weiteres Beispiel für Lesbarkeit des Grüns sind die in einem Gutachten über das Gebiet registrierten „Vegetationsschäden“.- Sie zeigen etwas an, das eine Aussage über den Berg, seine Geschichte und seinen momentanen Zustand beinhaltet. Der durchschnittliche Parkbesucher wird freilich mit anderen Deutungsversuchen auf die Vegetationsschäden blicken und nach dem Dünger rufen. Das Lesen hängt eben von der Vorbildung des Lesers, von Erwartungen und Kontexten ab.
Wer es zu lesen versteht, kann über der Wilde Kippe wie durch ein Sukzessionsmuseum wandern, d. h. verschiedene Stadien der natürlichen Sukzession dieses Standortes nebeneinander erkennen. Sachkundige Führer können beim Lesen auf die Sprünge helfen, das Gestaltungskonzept dem Spurenleselehrling mit Unterstützungen zur Hand gehen. Man kann sich etwa ein Stückchen Land vorstellen, das gedüngt wird. In der Gegenüberstellung mit ungedüngten Flächen ergibt sich dann eine Präzisierung des selbsttätigen Wachstums einerseits und des menschlichen Eingriff durch das Düngen andererseits.
Wichtige Grundlage des Konzepts der Wilden Kippe Lüntenbeck bleibt aber vor allem, dem Besucher in Erinnerung zu halten, wo er hier ist: „Sie stehen auf einem Berg von Abfällen.“ Diese Erkenntnis besitzt der Besucher allein intellektuell, im Gelände kann er dies nicht sehen, an den Pflanzen kann er es nicht unmittelbar ablesen. Es besteht daher eine Spannung zwischen Innen und Außen des Berges, zwischen Gift und Unrat einerseits und idyllischer Wildnis andererseits, die auch ein Zwiespalt von Sehen und Wissen ist. Vielleicht wird einmal ein Wasserfall mit roter Flüssigkeit das Innere des Berges symbolisch aufzeigen und damit eine Brücke zwischen beiden Sphären schlagen. Mag sein, daß sich das Verhältnis des Besuchers zu Idylle und Altlast relativiert, mag sein, daß sich Wertschätzung und Abscheu steigern. Ziel des Konzeptes ist es aber, den Zusammenhang beider Seiten an diesem Ort deutlich zu machen: Hier ist Wildnis nur mit Müll zu haben, hier ist der Müll die Ursache der Wildnis.
