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Flaneur zwischen ideologischen Gräben

Das Thema Rekonstruktion stößt in Frankfurt angesichts der Rekonstruktionen des Thurn und Taxis Palais und der alten Stadtbibliothek sowie der von einem Teil der Bürgerschaft ersehnten Bebauung des Dom/Römer-Areals selbstredend auf großes Interesse.

Der Facettenreichtum des Vortrags, dass sei vorweg festgestellt, hätte einseitige Positionierungen jenseits von Polemisierungen, wie sie von den sogenannten »Altstadtfreunden« zu erwarten waren [die Erwartungen wurden erfüllt ] unmöglich machen können. Um so unverständlicher die einführende Polarisierung Nerdingers.

Seine verallgemeinernde Behauptung, der Widerstand gegen Rekonstruktion gehe von der zeitgenössischen Architektenschaft aus, bestimmte lange Zeit den Vortrag. Diese These, hier eine architektonisch interessierte und städtebaulich aufgeschlossene Bürgerschaft, dort eine der Moderne nachhängende und aus berufsständischem Interesse jede Rekonstruktion ablehnende Architektenschaft sorgten auf der einen Seite für Genugtuung, auf der anderen für Erstaunen.

Der »moderne« Architekt beruft sich auf einen Anspruch der Moderne, so Nerdinger, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit legitimen Argumenten gegen soziale, gesellschaftliche und bauliche Zustände richten durfte.

Schon lange aber seien diese argumentativen Voraussetzungen weggefallen, das Argument also quasi aus der Mode gekommen.

Diese Argumentationslinie basierte einerseits auf einer intellektuellen Unredlichkeit in der undifferenzierten Verwendung von modern, modisch und zeitgenössisch, vor allem aber andererseits auf einer verdächtigen Kasuistik, mit der Nerdinger die Positionen polarisiert.

Im Verlauf seiner detaillierten und kenntnisreichen Ausführungen, die er an einer Fülle von Beispielen rund um den Globus darstellte, wurde die Komplexität der unterschiedlichen Ansätze von Rekonstruktion erahnbar, ohne allerdings konkretisiert zu werden.

Nerdinger unterschied in seinem Vortrag zwischen zwei Prämissen, unter denen Rekonstruktion kunsthistorisch zu betrachten sei. Unter den Begriffen memorialer und ästhetischer Rekonstruktion war es ihm möglich, eine Vielzahl die Rekonstruktion stimulierende Motive [technischen, kulturelle, politische etc.] zusammenzufassen, ohne diese im Referat differenziert zu thematisieren.

Ein historisches Gebäude, das der Zeit und dem Verfall unterliegt, sei durch die beständige Sanierung ebenso Rekonstruktion wie der am Beispiel des Amaterasu-Schreins in Ise/Japan exemplifizierte, religiös motivierte Abriss und identische Wiederaufbau eines sakralen Gebäudes. Die Spannbreite des Themas wurde durch eine Vielzahl weiterer Beispiele ergänzt, verdeutlichte aber auch gleichzeitig die Wichtigkeit einer begrifflich präzisen und wissenschaftlich seriösen Unterscheidung.

Die Präzisierungen blieben aus, und die anschließende Diskussion zeigte, nach artiger Danksagung des Publikums, dass der Verdacht, Rekonstruktion sei wesentlich ideologisch bedingt, auch für heutige Auseinandersetzungen über das Für und Wider bestimmend ist.

Entsprechend blieb Nerdingers Appell, den man ihm nicht mehr recht abnehmen wollte, man möge Konflikte im Dialog und an den jeweiligen Einzelfällen prüfen und entscheiden, eher dem Wunsch – wenn es denn seiner war – als einem gesellschaftliche Realitätssinn verpflichtet.

Es geht natürlich und in erster Linie um Ideologie oder Weltanschauungen.

Die Frage danach, wie sich eine Politik, Gesellschaft und Kultur gestaltende Bürgerschaft historisch – und zwar nicht ausschließlich rückblickend, sondern in der geschichtlichen Gegenwart befindlich – definiert, wurde in diesem

architektur-historischen Vortrag nicht angesprochen.

Dies machte auch den eigentlichen Mangel des Vortrages deutlich: er bleibt historisch und verkennt die Verantwortung des entscheidenden Individuums für seine Geschichte und die Geschichte, die es mitgestaltet.

Rekonstruktion, daran ließ Nerdinger keinen Zweifel, beschränkt sich nicht auf Gebäude. Sie ist auch Rekonstruktion von Zeichen.

Die Befürworter der Rekonstruktion sind Befürworter der Rekonstruktion bestimmter Zeichen. Anders ist es nicht zu begreifen, warum gleichzeitig der Abriss architekturhistorisch bedeutender Gebäude stillschweigend in Kauf genommen wird und »moderne« Architekturen entstehen, deren Qualitäten sich zuallerletzt unter dem gesellschaftsutopischen Anspruch der Moderne bestimmen lassen.

Auch hier erkennt man einen Mangel des sonst so sympathischen klingenden Aufrufs zur bürgerschaftlich, emotionslos zu führenden Diskussion über Pro und Kontra.

Sind es wirklich demokratische Prozesse, die über das Bild heutiger Städte entscheiden?

Wenn dem so wäre, vielleicht würden – im Falle Frankfurts – die Argumente der Befürworter einer architektonisch hochwertigen und zeitgemäßen, urbanen, die Bedeutung dieses zentralen Stadtraums berücksichtigende Bebauung und die der Rekonstruktionsbefürworter einen Kompromiss finden.

So blieb Nerdingers Vortrag einer aus historischer Sicht. Das Versprechen einer aktuelle Perspektive wurde nicht erfüllt, oder soll man sagen, es wurde vertan?

 

Ulf Kilian

1. Vorstitzender Deutscher Werkbund Hessen

 

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