Programm - Denkschrift 1907

Der Staat hat in den letzten Jahrzehnten reiche Mittel auf die Erziehung zu Kunst und Gewerbe verwandelt. Allein in einem gewissen Gegensatz hierzu steht seine Praxis als Auftraggeber... Erst wenn der Staat als Auftraggeber die höchsten Ansprüche stellt, hat es einen Sinn, dass er auf der anderen Seite die Erziehung des gewerblichen, technischen und künstlerischen Nachwuchses so gestaltet, dass beste gewerbliche, technische und künstlerische Kräfte entwickelt werden. Seine Mitwirkung bei der Erziehung ist zur Notwendigkeit geworden, nachdem die Neuorganisation der gewerblichen Arbeit die früheren Mittel der Ausbildung, Lehrlingszeit und Wanderschaft, wesentlich verändert und vielfach in Frage gestellt hat. Sie könnte erst dann wieder entbehrt werden, wenn das Gewerbe aus eigener Kraft neue und eigene Formen der Erziehung seines Nachwuchses entwickelt hätte. Hier öffnet sich dem Bund ein großes Feld der Betätigung.

 

Unter allen Umständen muß sich die Erziehung ihres letzten Zieles, einer Veredelung der gewerblichen Arbeit, bewusst bleiben. Programm und Lehrinhalt haben daher in engster Beziehung zur Arbeit zu stehen: Je enger die Verbindung mit dem Gewerbe ist, um so sicherer wird die Erziehung davor bewahrt bleiben, sich von der Arbeit zu entfernen und sich unbestimmten, sogenannten rein künstlerischen Tendenzen hinzugeben. Auf der anderen Seite freilich wäre es kurzsichtig, die Erziehung auf die jeweiligen Moderichtungen des Kunstgewerbes in den einzelnen Berufen einzustellen. Dies hieße nicht erziehen, sondern abrichten. Es kann nur darauf ankommen, alle im Schüler schlummernden Fähigkeiten derart zur Entfaltung zu bringen, dass er im späteren Leben ohne große Mühe den wechselnden Anforderungen der gewerblichen Praxis gewachsen bleibt. Aufgabe des Gewerbes muß es daher sein, seinen Nachwuchs die Mannigfaltigkeit gewerblicher Arbeit an den ihm gestellten Aufgaben bewältigen zu lehren und in ihm die Freude und Liebe zum Beruf zu wecken. Die gewerbliche Entwicklung drängt darauf hin, die allenthalben vorhandenen Ansätze der Erziehung gewerblichen Nachwuchses in leistungsfähigen Großbetrieben auf das eifrigste zu befördern und auszubauen. Gerade auf diesem Gebiet liegen die dringendsten Aufgaben der Zeit; denn fehlt der berufsfreudige Nachwuchs, so muß ein Gewerbe verkümmern. Keine Staatshilfe kann in solchen Falle den Schwund an Menschenkraft und lebendiger Fähigkeit aufhalten. Keine Propaganda vermag dem Gewerbe diese Kraft zu ersetzen. Es hat sich dann selbst die Wurzeln seiner Triebkraft durchschnitten. Für die Hebung der gewerblichen Arbeit bietet das Erziehungswesen die kräftigste Handhabe – denn in der Jugend liegt stets das Programm für die Zukunft.

 

Aber es wird auch nötig sein, in dem großen Publikum der Käufer und Abnehmer aufklärend und belehrend zu wirken, um die gute Arbeit immer mehr zur Anerkennung zu bringen. An programmatischen und rein theoretischen Ausführungen, wie überhaupt an literarischer Darstellung der Ideen der neueren Kunstbewegung ist kein Mangel. Allein es wird sich darum handeln, tatsächliche Belehrung an konkreten Beispielen zu geben... Der Niedergang der Qualität in der gewerblichen Produktion hat zum großen Teil seine Ursache in der Unerfahrenheit und Unwissenheit des Publikums in technischer Beziehung... Daneben werden, wie das bisher schon geschehen ist, gewerbliche Ausstellungen dafür zu sorgen haben, dass dem Publikum fortlaufend die besten Erzeugnisse in ansprechender Form vorgeführt werden. Aber das erzieherische Moment muß in derartigen Ausstellungen verwandt werden... Es ist daher darauf zu achten, dass gewerbliche Ausstellungen nur Gegenstände vorführen, die in jeder Beziehung, in technischer, künstlerischer und wirtschaftlicher, mustergültig sind. Zur Durchführung dieses Grundsatzes muß eine scharfe Überwachung des Ausstellungswesens Platz greifen und die Leitung in die Hand von weitblickenden, künstlerisch und technisch auf der Höhe stehenden Persönlichkeiten gelegt werden.

Der Ausschuß des Deutschen Werkbundes

Theodor Fischer, 1. Vorsitzender, 

Peter Bruckmann, 2. Vorsitzender, 

Peter Behrens, 

Wolf Dohrn, 

Josef Hoffmann, 

Rudolf Kautzsch, 

Karl Klingspor, 

Max Läuger, 

Bernhard Pankok, 

Walter Pantenius, 

Bruno Paul, 

Carl Ernst Poeschel, 

Julius de Praetere, 

Richard Riemerschmid, 

J.J. Scharvogel, 

Fritz Schumacher, 

Gottlob Wilhelm.