DWB Baden-Württemberg

Der Deutsche Werkbund Baden-Württemberg ist von dem Gedanken geprägt, der vom Menschen geschaffenen Umwelt eine humane Gestaltung zu geben. Er bemüht sich um die Aufbereitung fachübergreifender und zeitrelevanter Probleme und wirkt durch seine Veranstaltungen, Stellungnahmen, Publikationen usw. an deren Lösung mit. Die lebendige Werkbundarbeit findet in aktiven Regional- und Projektgruppen sowie Initiativen einzelner Mitglieder statt, die parallel zu dem vom Vorstand geprägten Gesamtprogramm Aktivitäten zu aktuellen Themen realisieren.

DWB Baden-Württemberg Selbstdarstellung

Der Deutsche Werkbund Baden-Württemberg e.V. hat, nach internen Diskussionen und einer Klausurtagung über Sinn und Zweck werkbündischer Tätigkeit im Herbst 2001 in Bad Herrenalb, die Notwendigkeit gesehen, das Ideengut des Werkbundes zu aktualisieren und sein Potential in einer zeitgemässeren Form auszudrücken. Dazu wurde der Architekturkritiker Christian Marquart für den Text und der Grafiker Karl Duschek für die Gestaltung beauftragt.

Die druckfrische 2. Auflage von Oktober 2009 der Selbstdarstellung können Sie über die
Geschäftstelle beziehen.

Was macht eigentlich der Werkbund?

Als der Deutsche Werkbund 1907 von einer handvoll origineller Köpfe gegründet wurde, war es höchste Zeit. Die bürgerliche Kultur der wilhelminischen Epoche war auf dem besten Weg, den Anschluss an die längst mit Macht sich entfaltende Industriegesellschaft zu verpassen.

 

Man trauerte verschlissenen "Stilen" nach und ahnte doch zugleich, dass das vertraute Vokabular der Formen und Symbole mit der Logik neuer Technologien, den Zwängen modernisierter Produktionsmethoden, den gesellschaftlichen Umbrüchen und den Skalensprüngen des Massenkonsums nicht länger zur Deckung zu bringen sein würde. Die ganze Alltagskultur war in Schieflage geraten. Design (damals noch "Formgebung"), Architektur, Manieren - das Leben selbst: Alles schien nur noch zweiter, dritter Aufguss.

 

An Zeitenwenden überkreuzen sich müder Überdruss und energischer Aufbruchs- und Gestaltungswille. Das war in den Jahren um 1900 so, und das ist - ungeachtet der anlässlich des Millenniums überstrapazierten Zahlenmagie des Dezimalsystems - in den Jahren um 2000 nicht anders. Auch wir haben es mit gewaltigen technischen Revolutionen, mit rapidem gesellschaftlichen Wandel und ausgeprägter kultureller Verunsicherung zu tun.

 

Was heißt: Der Werkbund müsste heute neu erfunden werden, wenn es ihn nicht schon gäbe - als kritischen Trend Scout und als Instanz risikobereiten Vorausdenkens.

 

Worum ging es dem Werkbund zu Zeiten der Pioniere Herrmann Muthesius, Richard Riemerschmid, Theodor Fischer, Fritz Schumacher, Henry van de Velde? Viele der frühen Werkbund-Mitglieder waren Architekten, nicht wenige von ihnen hatten als freie Künstler begonnen und waren als "Gestalter" von Textilien, Möbeln und Hausrat schließlich zur Baukunst gekommen. Immer wieder waren es auch Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die sich im Werkbund engagierten; so Friedrich Naumann, Mitglied der Nationalversammlung und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei oder der spätere Bundespräsident Theodor Heuss, der von 1918 - 23 Geschäftsführer des DWB war.

 

Getragen wurden die Reformgedanken des Werkbunds - die Steigerung der Qualität handwerklicher und industrieller Produktion - von der Überzeugung, die Gestaltung der menschlichen Umwelt müsse nach ganzheitlichen Prinzipien erfolgen und so, gewissermaßen schlackenfrei, das "Wesentliche" von Material, Konstruktion, Form und Funktion zum Ausdruck bringen. Künstler, Architekten, Designer und meist mittelständische Unternehmer arbeiteten zusammen. Von der formenden Kraft der Dinge versprachen sich diese Werkbundpioniere nicht zuletzt eine integrierende Wirkung auf die Gesellschaft.

 

Zeugnis der Werkbund-Initiativen, die sich damals vor allem auf das "richtige" Wohnen der unterprivilegierten und unterversorgten sozialen Schichten richteten, sind vor allem die großen Ausstellungen und Experimente der Weimarer Zeit: Dem weltberühmten Projekt der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927) folgten 1929 die Ausstellung "Wohnung und Werkraum" in Breslau, die Werkbund-Kunstgewerbeschau unter Federführung von Walter Gropius 1930 in Paris und 1931 das Berliner Projekt "Die Wohnung unserer Zeit".

 

1934 löste sich der Werkbund auf; 1950 erfolgte die Neugründung. Die Probleme, mit denen er sich auseinander zu setzen hatte, waren die ähnlichen wie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts: Die Städte waren zerstört bzw. übervölkert, es herrschten Wohnungsnot und Mangel. Der Wiederaufbau musste "gestaltet" werden, und wieder war es der Werkbund, der - streitbar und meinungsfreudig - wichtige Debatten anstieß und Themen "setzte". 

 

Mit dem Wandel der Bundesrepublik von der Industriegesellschaft zur postindustriellen Informations- und Wissensgesellschaft erweiterten sich allmählich die Perspektiven. Dies dokumentiert schon ein kurzer Rückblick auf die Arbeitsbilanz des Werkbunds Baden-Württemberg der letzten zwei, drei Jahrzehnte: Architektur, Städtebau und Wohnen sind nach wie vor aktuell geblieben (Projekt Werkbundhäuser Karlsruhe-Dörfle, Neue BauWohnberatung), aber es drängten sich mit dem technologischen Wandel und der Krise der natürlichen Ressourcen neue Probleme in den Vordergrund. Ausstellungsprojekte und Tagungen wie "Die große Landzerstörung" (1959), "Grenzfall Rhein" zusammen mit dem SWB (1970), "OIKOS. Von der Feuerstelle zur Mikrowelle" (1990-95) und "baumstark. Holz-Wald-Kultur" (1995-2001) markieren den Willen des Werkbunds, mit Wachheit, Phantasie und Sensibilität aktiv den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.

 

Damit dies gelingen kann, werden als Mitglieder des Werkbundes nicht nur Personen, Firmen und Institutionen aus den traditionell stark vertretenen Disziplinen Architektur, Städtebau und Design berufen, sondern auch aus den Bereichen Wissenschaft, Technik und Wirtschaft, aus Unternehmen der Investitionsgüter- und Dienstleistungsbranche, aus den Medien und der Politik. Wir glauben, dass die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts eines neuen Kulturbegriffs bedarf, wenn sie ihre Zukunft aktiv gestalten will.

Was der Werkbund zu bieten hat

Das Ringen um die richtige, die "gute Form" der Alltagsgestaltung, die immer die Aktivitäten des Werkbunds begleitete, konnte sich im 20. Jahrhundert noch guten Gewissens an den physischen Dingen selbst festmachen: an Möbeln, Geräten, Häusern, Kleidern etc.

 

Im letzten Viertel des 20. Jahrhundert änderten sich allerdings die Perspektiven gründlich: Es ging und geht nun nicht mehr allein um Ästhetik und "Moral" vertrauter Gegenstände, sondern auch um die Qualität und Sinnhaftigkeit von immer komplizierter strukturierten Prozessen, immer abstrakter werdenden Organisationen und einer rasch wachsenden Zahl kategorisch neuer Produkte. Deren Charakter wird zunehmend immateriell und "virtuell"; sie beeinflussen aber das Leben der Menschen in immer stärkerem Mass. Die Informationstechnologien haben die Gesellschaft in den Griff genommen, ohne dass dieser fundamentale Wandel (bisher) eine kulturelle Prägung erhalten hätte. 

 

Gleichzeitig vollzieht sich der Wandel der industriellen Produktion, der Wirtschaft und der Gesellschaft in gänzlich neu, nämlich maximal dimensionierten Kontexten. Man hat dafür den Begriff "Globalisierung" geprägt. Die "Globalisierung" wird für vieles verantwortlich gemacht: für die Unplanbarkeit der Städte, für das Scheitern nachhaltigen Wirtschaftens, für das Chaos der Finanzmärkte und damit die Destabilisierung ganzer Volkswirtschaften, für die weltweite Nivellierung der Produkt-, Konsum- und Baukultur, für schwer kontrollierbare Migrationsbewegungen, für das Versagen von Politik und anderes mehr. Und was mit der Globalisierung nicht unmittelbar zu begründen ist - das Schwinden der Erwerbsarbeit und die neuen Ungleichheiten der heraufziehenden Wissensgesellschaft - das wird den zweischneidigen Segnungen der digitalen Revolution und der Telematik angelastet. 

 

Die Zukunft erzeugt beträchtlichen neuen Gestaltungsbedarf, gleichzeitig sinkt aber in der Gesellschaft der Gestaltungsanspruch. Es sieht so aus, als seien Ziele und Mittel einerseits kaum noch konsensfähig, andererseits aber auch nicht mehr miteinander in Einklang zu bringen. Planendes Handeln reduziert sich heute auf die Analyse von Trends, programmatische Rhetorik und bescheidenste Interventionen in Situationen, die nicht von starken Interessen geprägt sind und nur deshalb noch einige Spielräume offen lassen. Man konzentriert sich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen auf die Optimierung von isolierten Einzelsystemen, weil das größere Ganze scheinbar weder gedanklich noch praktisch in den Griff zu bekommen ist.

 

Resignation gegenüber den Herausforderungen der Zukunft ist nicht die Sache des Werkbunds. Aus seiner Erfolgsgeschichte heraus halten wir den Anspruch, die Gesellschaft und ihre Umwelt verantwortlich zu gestalten, unvermindert aufrecht. Mehr noch, wir wollen diesen Anspruch bekräftigen und erweitern. Er umgreift nicht mehr nur die "klassischen" kreativen Disziplinen wie Design, Architektur und räumliche Planung, sondern auch Themen und Problemfelder, die auf eine aktive, zivilisatorisch und kulturell ambitionierte Prägung noch warten.

 

Einige seien hier aufgeführt, Überschneidungen liegen in der Natur der Sache. In ihrer Summe repräsentieren diese Begriffe nicht nur ein gewichtiges Bündel aktueller und künftiger Probleme; sie umschreiben gleichzeitig auch einen neuen, aktualisierten Kulturbegriff. Exemplarisch zu nennen wären etwa: Wirtschafts- und Wissenskultur, Kommunikationskultur, Produkt- und Produktionskultur, Ressourcenkultur, Innovationskultur. Diese Liste ist nicht abgeschlossen und nicht abschließbar: Kultur ist ein dynamischer Prozess.

 

Die Arbeit des Werkbunds an den Gegenständen dieser weiter definierten Kultur soll sich nicht in zeitdiagnostischer Analyse und Rhetorik erschöpfen. Die bewährte Tradition, konkrete Projekte auf den Weg zu bringen, wird fortgeführt. Dafür brauchen wir Wegbegleiter: Selbstbewusst als "Kreative" und "Macher", beweglich im Denken und Handeln, engagiert und begeisterungsfähig.

 

Der Werkbund ist die Plattform, auf der auch künftig etwas bewegt werden kann. Getragen von einer Mitgliederstruktur mit interdisziplinärer Vielfalt, bietet er eine lebendige Diskussionskultur und ein Netzwerk wertvoller und nützlicher Kontakte. 

Last but not least: Der Werkbund hat eine große Tradition. Er steht für eine vorzügliche Marke: Bestens tauglich für einen Image-Transfer auf seine Mitglieder und Mitstreiter.