EINIG. UNEINIG. Positionen zum Wohnen

28. Juli 2017, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Haben wir die Wohnungen, die wir brauchen? Passen die Grundrisse zu zeitgemäßen Lebensformen und den stetigem Wandel unterworfenen Gewohnheiten und Bedürfnissen der Bewohner?

Fragen, die den Werkbund seit seiner Gründung 1907 bewegen. Lösungen wurden in Abhängigkeit der Anforderungen der jeweiligen Dekaden entwickelt und umgesetzt.

Die Weißenhofsiedlung wurde als Teil der 1927 vom Deutschen Werkbund initiierten Ausstellung „Die Wohnung“ in nur 21 Wochen gebaut und eröffnet. Als Mustersiedlung für das Neue Bauen entstanden 21 Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen. In der Folge entstanden unterschiedliche Modellsiedlungen in ganz Europa.

„Weiter wohnen wie gewohnt?“ hieß eine Ausstellung des Deutschen Werkbunds 1979 in Hamburg. Zugleich erschien die vom damaligen Geschäftsführer des Deutschen Werkbunds, Michael Andritzky, zusammen mit Gerd Selle herausgegebene Publikation „Lernbereich Wohnen“, ein bis heute gültiges, didaktisches Sachbuch zur Wohnumwelt vom Kinderzimmer bis zur Stadt.

Das Wohnen ist auch 90 Jahre nach dem Weißenhof eines der zentralen gesellschaftlichen und politischen Themen.

Die Initiierung einer IBA Stuttgart bis 2027 wird aktuell in der Region diskutiert Bezug nehmend auf die Werkbundsiedlung Weißenhof, die dann ihr 100-jähriges Bestehen feiern wird.

Im Rahmen der Mitgliederversammlung des Deutschen Werkbunds Baden-Württemberg am 28. Juli 2017 wurden unter dem Motto EINIG. UNEINIG. aktuelle Werkbund-Positionen zum Wohnen zur Diskussion gestellt.

Christian Böhm vertiefte u.a. die Initiative „Wohnraum für alle“ des Werkbunds Bayern; Prof. Dr. Paul Kahlfeldt, den Planungsstand und –prozess der WerkbundStadt Berlin und Alexander Grünenwald aktuelle Projekte der bundesweit tätigen BauWohnberatung Karlsruhe, die 1997 auf Initiative des Deutschen Werkbunds Baden-Württemberg gegründet worden war. Mit werkbundexternem und soziologischem Expertenblick ergänzte Prof. Dr. Christine Hannemann die Runde.

Einführung und Moderation Prof. Dr. Andreas Schwarting, Lehrgebiet Baugeschichte und Architekturtheorie an der HTWG Konstanz.

Einleitend wies Prof. Dr. Andreas Schwarting auf die Verleihung des Weltkulturerbes der UNESCO für das Werk Le Corbusiers hin, das auch zwei Häuser der Werkbundsiedlung Weißenhof einschließt sowie auf die Bestrebungen, die sechs historischen Werkbundsiedlungen in Stuttgart, Brünn, Breslau, Wien, Zürich und Prag für das Europäische Kulturerbesiegel eintragen zu lassen.

Die immer wieder auftretenden und auch kontrovers diskutierten Fragen zum Wohnen sind vorbildlich aufgearbeitet in der von der Wüstenrot Stiftung Ende der 90er Jahre herausgegebenen, 5-bändigen „Geschichte des Wohnens“.

Ein Streifzug durch bekannte historische Wohnformen führte von der bereits um 6000 v.Chr. bewohnten Siedlung Catal Höyük in Anatolien, über Ostia Antica und die Augsburger Fuggerei aus dem beginnenden 16. Jahrhundert bis zu Fritz Haller und einem Forschungsprojekt in den 80er Jahren zum Wohnen in Raumstationen. Damals wie heute spielen Fragen zu Gemeinschaft, Besitz und Freiheit eine Rolle.

Hier geht es zum Vortrag

 

Christian Böhm, Architekt und 1. Vorsitzender des dwb bayern

Der Werkbund Bayern versucht z.Z. in Fürstenfeldbruck eine Siedlung in verkleinerter Form und auf Basis der Planungen 2006/07 für die Werkbundsiedlung Wiesenfeld zu realisieren. Bei der Frage nach der Belebung von Neubaugebieten spielt die Bildung von Gemeinschaften eine Rolle. Sowohl Genossenschaften als auch Mobilitätsstationen können entscheidend zur Entstehung von Gemeinschaften beitragen. Gute Gestaltung kann Gemeinschaft fördern, ist aber kein zentrales Element.

 

Alexander Grünenwald, Architekt und 1. Vorsitzender des dwb bw

Zentrales Element in Bezug auf das Wohnen ist die Selbstbestimmung. Daher werden Wohnprojekte verstärkt nachgefragt; sie sind individuell und zukunftsfähig. Bei der Moderne der 20er und 30er Jahre standen klare gestalterische Vorgaben im Mittelpunkt, die wenig Spielraum für individuelle Ausgestaltungen ließen. Durch frühzeitige Einbindung zukünftiger Bewohner entsteht eine große Identifikation mit dem Projekt. So entstanden z.B. in der 4000-Seelen-Gemeinde Burgrieden mit Bürgergeld 40 Wohneinheiten.

 

Prof. Dr. Paul Kahlfeldt, Architekt und Vorstand im dwb berlin

Nach dem Vorbild der Werkbundsiedlung Weißenhof in Stuttgart haben sich in Berlin 33 Architekten zusammengetan, um eine WerkbundStadt nach heutigem Baurecht zu entwickeln. Im Vorfeld wurden in 4 Konzeptklausuren Rahmenbedingungen zu Nachhaltigkeit, Mobilität, Gestaltung und öffentlichem Raum definiert und die beliebtesten Städte europaweit analysiert. In jedem Gebäude der WerkbundStadt Berlin wird ein Anteil von 30% bezahlbarer Wohnungen geplant ohne öffentliche Subventionen.

 

Prof. Dr. Christine Hannemann, Architektur- und Wohnsoziologin Universität Stuttgart

Die europäischen Metropolregionen sind von Wohnungsnot geprägt. Im Mieterland Deutschland geht das Gespenst der schlechten Adresse um. Viele Stadtteile durchlaufen einen Degradierungsprozess mit daraus folgender Stigmatisierung der Bewohner. Zur Lösung des Problems wird daher mehr sozialer Wohnungsbau vorgeschlagen. Das Problem dabei ist, dass der bezahlbare Wohnraum, wenn er nach einigen Jahren aus der Bindung fällt, wieder verloren geht, bzw. nicht mehr bezahlbar ist. Miet- und Eigentumsmodelle sollten gleichermaßen ermöglicht werden. Bezahlbares Wohnen ist Teil des Gemeinwohls. Möglicherweise könnte die Förderung von Wohngenossenschaften zur Entspannung beitragen.

 

Eine lebhafte Diskussion innerhalb der Runde und mit dem Auditorium schloss sich an. Eine bessere Befähigung der Bewohner, ihre Wohnbedürfnisse zum Ausdruck zu bringen, wäre wünschenswert.

Obwohl die vorgestellten Projekte verschiedene Herangehensweisen und Denkansätze spiegelten, bleibt doch die Qualität des gesellschaftlichen Zusammenlebens der gemeinsame Nenner.

 

Im Anschluss an die Diskussion fanden kompetent geführte Rundgänge durch die Werkbundsiedlung Weißenhof sowie das Weißenhofmuseum im Haus Le Corbusier statt.

 

Impressionen

 

Verfasser
Deutscher Werkbund Baden-Württemberg e.V.

Rubrik
Berichte