PD Dr. phil. Michael Hirsch studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Neueren/Neuesten Geschichte in Freiburg und Paris und war bis 1997 Mitarbeiter am Institut für soziale Gegenwartsfragen e.V. in Freiburg. 1997 war er mit der Jackson Pollock Bar Teilnehmer an der Documenta 10 in Kassel. 1998-2008 Lehrbeauftragter für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2003-2007 Lehrbeauftragter für Ästhetik, Kunstphilosophie und Politik an der Akademie der Bildenden Künste in München, 2005-2008 Gastdozent für Ästhetik/Ästhetische Philosophie und Kulturtheorie an der Merz-Akademie (Hochschule für Gestaltung) in Stuttgart. 2006 promovierte er an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2014 Habilitation an der Universität Siegen mit der Schrift „Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Theorie der Arbeit“.

Ein anderer Arbeitsbegriff – Ein anderer Bildungsbegriff

Je mehr im Zuge technischer Fortschritte materielle Arbeit überflüssig wird, desto mehr fragt sich:

  1. Wie soll menschliche Arbeit in ihren verschiedenen Ausprägungen definiert, bewertet, gesellschaftlich verteilt und anerkannt werden?
  2. Wie sollen menschliche Bildung und Wissen definiert und verteilt werden? Welche Fähigkeiten brauchen die Einzelnen, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, einen produktiven Beitrag für die anderen zu leisten, und ein gutes Leben zu führen?

Die Gesellschaft ist auf die Beantwortung dieser Fragen schlecht vorbereitet. Die Engführung auf Lohnarbeit und ihr zugeordnete Fähigkeiten stellt ein gesellschaftliches Lernhindernis dar. Droht die einseitige Ausbildung von Fähigkeiten doch alle diejenigen sozialen wie kulturellen Fähigkeiten und Tätigkeiten, sowie all diejenigen Menschen und Menschengruppen zu entwerten, die nicht oder nicht vollständig in einen ökonomischen Verwertungszusammenhang eingespeist werden können.

Unsere Gesellschaft hat ein Problem auf der Ebene ihrer symbolischen Ordnung: auf der Ebene ihrer einseitigen Definition als (Lohn-)Arbeitsgesellschaft. Aus dieser zugleich sozioökonomischen wie soziokulturellen Sackgasse heraus führt nur ein Paradigmenwechsel im Verständnis der Prioritäten des menschlichen Lebens und Lernens. Unsere Aufgabe ist es, die Bildungssysteme aus ihrer Fokussierung auf arbeitsmarktrelevante Fähigkeiten herauszulösen und auf die Aufgabe einzustimmen, vielfältige Menschen heranzubilden. Dem Projekt Arbeit und Industrie 4.0 wird ein nicht auf technische Skills beschränktes Projekt einer Aufklärung 4.0 zur Seite gestellt. Hier berühren sich die zeitgenössische  feministisch und ökologisch inspirierte Kritik an der Arbeitsgesellschaft mit klassischen ästhetischen Bildungslehren.