MAINZ 1945 BIS 1955 - ZERSTÖRUNG, VISIONEN, WIEDERAUFBAU
Das Bannerbild zeigt links den Schwarzplan von Mainz von 1938 und rechts vom 1945
Die ersten zehn Jahre nach Kriegsende mit gegensätzlichsten Neu- und Wiederaufbaukonzepten dürften eine der spannendsten Dekaden in der 2.000-jährigen Planungs- und Baugeschichte von Mainz sein.
Nach der Schicksalsnacht am 27. Februar 1945 war die Innenstadt von Mainz zu über 80 Prozent zerstört und lag damit in Deutschland hinter Nürnberg und Pforzheim an dritter Stelle. Bereits ein halbes Jahr zuvor hatte das Reichsbauministerium in Berlin unter Albert Speer und durch Prof. Hanns Dustmann (1902-1979) vorsorglich eine Zukunftsplanung für Mainz nach dem Krieg mit nationalsozialistisch geprägten Zielen in Auftrag gegeben:

Abb. 1 Dustmann, Stadtmodell, 1945
Eine ringförmig angelegte Stadt mit dem „Vater Rhein“ als Hauptachse, eingerahmt von einer 500 Meter breiten Grünzone. Zentraler, deutungsvoller Blickpunkt ist das zum Forum erweiterte Schlossviertel mit einem Gauturm, doppelt so hoch wie die benachbarten Zwillingstürme der Kirche St. Peter. Um dieses neue Wahrzeichen von Mainz in breiter Sicht erleben zu können, sollte die unmittelbar davor liegende Stadtbrücke durch zwei den Panoramablick nicht störende ersetzt werden.
Nach der Eroberung, eher Befreiung der Stadt Mainz durch amerikanische Truppen im März 1945 änderten sich die Ziele und Voraussetzungen. Gemäß den Vereinbahrungen des Potskammer Abkommens im Sommer 1945 wurde Deutschland in vier Besatzungszonen der Siegermächte aufgeteilt. Das führte zur Trennung von Mainz in eine rechtsrheinische, amerikanische (später zu Hessen gehörig) und eine linksrheinische, französische Zone (später zu Rheinland-Pfalz gehörig). Die französische Militärregierung übertrug die Planungen von Städten ihrer Zone wie Saarbrücken oder Saarlouis an namhafte, französische Architekten der Moderne. Den Auftrag für Mainz als zukünftige Hauptstadt erhielt Marcel Lods (1891-1978) aus Paris, der als Wegbegleiter von le Corbusier bereits in den 1930er Jahren durch seine mit vorgefertigten Bauteilen erstellten Wohnhochhäuser Aufsehen erregt hatte. Das politische Mandat lag bei General Marie-Pierre Koenig (1889-1970), Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Deutschland, zugleich Militärgouverneur der französischen Besatzungszone und somit Bestimmer des Geschehens. Zwei „Alphamänner“, zwischen denen es in Mainz heftig zur Sache ging.
Als ausgebildeter Pilot erkundete Lods die Situation vor allem aus der Luft und kam zum Ergebnis, dass Mainz als 2.000-jährige Festungsanlage nie einen sinnvollen Städtebau erfahren habe und nun die Chance auf eine zeitgemäße Konzeption bestehe. Die wenig zerstörte Altstadt sollte als Traditionsinsel erhalten und der Rest in einen radikalen Vision als „Stadt der Zukunft“ ersetzt werden.

Abb. 2 Lods, Mayence ville verte, 1947
Eine „ville verte“, eine vertikale Gartenstadt aus parallel versetzten, zum Rhein gerichteten Hochhausscheiben als neue Stadtlandschaft. Ein bewusstes Gegenmodell zur steinernen, preußischen Stadt des 19ten Jahrhunderts. In einer ehemaligen Lagerbaracke auf dem Linsenberg richtete Lods sein Planungsbüro mit rund 20 Personen ein. Zur Seite standen ihm eine Mainzer Belegschaft von zwölf Kräften, darunter Adolf Bayer (1909-1999), freigestellter Stabsentwerfer aus dem Planungsamt und der später bekannte Statiker Fritz Grebner (1910-2003). Die restlichen kamen aus dem beruflichen Umfeld von Marcel Lods. Wegen der besseren Verpflegung vor Ort wohnte das französische Team mit seinen Familienangehörigen in Mainz. So auch Gérald Hanning (1891-1978), Büroleiter der Mainzer Filiale, und sein Stiefsohn Roger Vadim (1928-2000), der später als Filmregisseur und Trendsetter mit der Schauspielerin Brigitte Bardot (1934-2025) eine Weltkarriere startete.
Bei der „Vision Mayence“ fügte Marcel Lods baukulturelles Erbe wie die barocken Adelshöfe, das städtische Theater, die alte Universität und sakrale Bauten in das neue Stadtgefüge bewusst mit ein. Ausgebrannte Ruinen stadtbildprägender Bauten, von den städtischen Behörden bereits zum Abriss freigegeben, erhielten Bestandsschutz und Gebot zum Wiederaufbau.

Abb. 3 Mayence, centre urban, 1947
Das vormals kurfürstliche Schloß pointierte Lods zum perspektivisch inszenierten Kopfbau des neuen, spektakulären Verwaltungszentrums. Zum baldmöglichsten Wiederaufbau des Schlosses boten die Franzosen der Stadt Mainz 100 Kriegsgefangene und deren Freilassung nach einjähriger Tätigkeit an.
Die Altstadt südlich des Dom-Viertels überließen die Franzosen dem Mainzer Hochbauamt zur weiteren Betreuung, übernahmen jedoch das Filetstück Zitadelle für eigene Nutzungen. Der einst barocke Kommandantenbau, 1838 rücksichtslos aufgestockt und 1945 eine ausgebrannte Ruine, erhielt durch die Franzosen einen fast originalgetreuen Wiederaufbau. Bis 1955 benutzten sie dieses Gebäude, ihre Zentrale lag im 1. Obergeschoß an der Ecke zur Stadt, dem heutigen Chefzimmer des Baudezernates. Verwaltet wurde auf der Zitadelle, sich präsentiert im Schloss Waldthausen bei Mainz, das General Marie-Pierre Koenig 1947 für fünf Millionen Mark (entspricht heute 60 Millionen Euro) über Beatzungskosten finanziert, samt Park zu (s)einer Residenz umbauen ließ: Ein pures Prestigeprojekt gegenüber den Amerikanern in Wiesbaden, die im Schloss von Bad Homburg aufwändig Hof hielten.

Abb. 4 Schloss Waldthausen
In der „Unterstadt“, der vormaligen Neustadt, sah Lods 10-geschossige Häuser mit Flachdächern vor, die wegen geringerer Etagenhöhen nicht höher waren als die Firste der traditionellen Gebäude und sich somit in die historische Stadtsilhouette einfügten. In der „Oberstadt“ schlug er dagegen 20-geschossige, bis zu 110 Meter lange Hochhausscheiben mit dazwischen liegenden, weiten Grünanlagen und Gemeinschaftseinrichtungen in eingeschossiger, lockerer Pavillonbauweise vor.

Abb. 5 Habitation Wallstraße, 1947
In 29 plakativen Skizzen, grafische Meisterwerke von Gérald Hanning, heute Schätze im Mainzer Stadtarchiv, werden die üblen Verhältnisse aus der Vergangenheit gegenüber der hoffnungsvollen Zukunft gegenübergestellt. In Schwarz: Enge, Finsternis und Elend, in Weiß: Weiträumigkeit, Licht und Ordnung.

Abb. 6 Hanning, Freiluftschule, 1947
Nicht nur in den Mainzer Amtsstuben stieß diese „Traumstadt“ auf große Skepsis. Überzeugt, dass sich dieser französische Spuk wegen der utopischen Ansprüche schnell von selbst erledigen würde, erarbeitete Gerhard Lahl (1910-1994) vom städtischen Hochbauamt 1946 vorsorglich eine Gegenplanung. Sein Schwerpunkte lag in der neuen Stadtachse vom Schillerplatz bis zum Rhein:

Abb. 7 Lahl, Modell Ludwigstraße, 1946
Auf der einen Seite eine vierspurige Autotrasse bis zu einem Rathausneubau am Rhein, auf der anderen eine reine Fußgängerzone über die Domplätze bis zum Ufer und dazwischen freistehende Verkaufspavillons. (Ein Vorschlag, der 20 Jahre später ansatzweise zur Ausführung kam.)
Schon kurz vor Kriegsende hatte der Darmstädter Architekturprofessor Dr. Karl Gruber (1885-1966), mit der Stadtbaugeschichte von Mainz bestens vertraut, gefordert, den „Heiligen Bezirk um den Dom“ zwischen Liebfrauenplatz, Theater und Quintinskirche nach dem Vorbild des Mittelalters neu zu interpretieren, um dem Stadtzentrum eine „geistige Haltung“ zu geben.

Abb. 8 Gruber, heiliger Bezirk um den Dom, 1945
1947 erstellte Professor Paul Schmitthenner (1848-1972) aus Stuttgart in geheimer Mission für die Stadt Mainz einen Alternativentwurf, der sich in realistischer Einschätzung im Wesentlichen auf den bestehenden Stadtgrundriss beschränkte.

Abb. 9 Schmitthenner, Wiederaufbauplan, 1947
Kernstück seiner Konzeption war ein breiter „Uferpark“ vom Winterhafen bis zur neuen Stadtbrücke in Verlängerung der Kaiserstraße, um die historischen Residenzbauten samt Schloss, ein Rathaus und eine neue Stadthalle als Solitäre weiträumig zu präsentieren.
Die französische Militärregierung war brüskiert und untersagte jegliche Planungsaktivitäten seitens der Stadt. Unbeirrt und zielstrebig stellten die Franzosen 1947 den Bauantrag für die erste 20-geschossige „Wohnmaschine“ auf dem Taubertsberg. Die funktional gut durchdachten, gebäudetief durchgesteckten Grundrisse mit zwei Balkonen, doppelwandigem Schallschutz, elektrischen Stromschienen in den Küchen bis hin zum Aufzug pro Wohnung sollten zukünftigen Ansprüchen entsprechen. Nach der Währungsreform von 1948 und grundsätzlichen Veränderungen in Deutschland verloren die Franzosen abrupt das Interesse an „ihrem“ Rheinland-Pfalz und zogen sich zurück.

Abb. 10 Grundriss Hochhaus, 1947
Ohne übergreifendes Gesamtkonzept und mit täglichen Kompromissen behaftet, begann nun das Mainzer Hochbauamt in Eigenregie, ein Stadtplanungsamt gab es hier noch nicht, im Spannungsfeld zwischen Politik, Wirtschaft und Tagesgeschäft den Wiederaufbau. Gegensätzliche Meinungen gab es zuhauf. Die Stadt Mainz plante z. B. zur allgemeinen Naherholung 1951 einen „Bürgerpark“ als größte, zusammenhängende Grünfläche im Zentrum.

Abb. 11 Lahl, Bürgerpark am Schloss, 1951
Als Eigentümerin des Schlosses wollte sie, wie einst in kurfürstlichen Zeiten, den Schlosshof mit dem Ernst-Ludwig-Platz weiträumig vereinen und deshalb die Ruine der von Napoleon 1804 verordneten „Steinhalle“ abreißen. Die Denkmalpflege verlangte dagegen, diesen fast einzigen Zeitzeugen französischer Baukunst in Mainz nach historischem Vorbild zu rekonstruieren. Es dauerte zwölf Jahre, bis man sich auf einen Kompromiss geeinigt hatte.
Ein weiteres Beispiel ideologischer Betrachtungen ist die Planung von Werner Streif (1922-2014) aus dem Mainzer Baudezernat von 1954, einen Teilbereich der Innenstadt in eine auto(bahn)gerechte Zone umzuwandeln.

Abb. 12 Streif, autogerechte Innenstadt, 1954
Der Bereich zwischen Ernst-Ludwigsstraße und Große Bleiche sollte durch eine kammartig gerasterte Neubebauung ersetzt werden, durch dessen Mitte die Stadtautobahn von Ingelheim nach Frankfurt mit entsprechenden Tunnelstraßen, Rampen und verbindenden Brücken „gedroschen“ werden sollte.
Im gleichen Jahr fand der Urbanist Egon Hartmann (1919-2002), einst Chefplaner von Thüringen, als politischer Flüchtling im Hochbauamt von Mainz eine Bleibe. Ohne amtlichen Auftrag und außerdienstlich nach Feierabend erarbeitete er ein alternatives Konzept für die Innenstadt.

Abb. 13 Hartmann, Zentrenkonzept, 1954
Sein Entwurf zeigt die beiden maßgebenden Zentren (schwarz), zum einen das Viertel mit Markt und Dom, zum anderen den Bereich um das ehemalige kurfürstliche Schloss, erweitert um das neue Regierungsviertel des Landes (rot). Beide Pole verknüpfte Hartmann über das Rheinufer und über die Große Bleiche, den Schillerplatz und die Ernst-Ludwigsstraße als attraktive Einkaufsstraßen (blau), weitsichtig ergänzt mit einer Fußgängerzone vom Südbahnhof bis in die Neustadt aus der Gründerzeit. Die Ausschüsse überzeugte dieses Zentrenkonzept und Hartmann erhielt den offiziellen Auftrag für einen innerstädtischen Gesamtplan, den dieser noch im gleichen Jahr, 1955, den Gremien vorlegte. Zehn Jahre nach Kriegsende hatte Mainz endlich einen qualifizierten „Masterplan“, der auch das umgebende Hochplateau mit einbezog.

Abb. 14 Hartmann, Rahmenplan, 1955
Ein Verkehrskonzept mit konsequenter Erschließung auf einer Ebene, einem begleitenden Grünflächenplan und keinen Hochhäusern. Es dauerte allerdings fünf weitere Jahre bis zur verbindlichen Rechtskraft. Dazu wurde eigens Professor Ernst May (1886-1970) als externe, international anerkannte Kapazität beauftragt. Nicht 10, dadurch 15 Jahre nach Kriegsende war somit der längst überfällige Weg für ein „Neues Mainz“ in seiner authentischen Tradition gefunden. Auch wenn bei späteren Ausführungen Änderungen erfolgten, blieb und bleibt die „Aura Moguntia“ trotzdem erhalten.
Abbildungsnachweis:
Stadtarchiv Mainz 1, 3, 5, 6, 7, 12, W. Durth 2, 10, C. Buhl 4, Diözesanarchiv Mainz 8, Architekturmuseum München 9, GDKE LD 11, IRS Erkner 13, 14.
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