Kaiserstraße – Wohnzimmer der Gesellschaft

Veranstaltung in der Mainzer Christuskirche am 18. August 2026

von Ina Seddig dwb

In der Christuskirche in Mainz fand im Rahmen der OASE26 eine Veranstaltung des Deutschen Werkbunds Rheinland-Pfalz und der Kammergruppe Mainz/Mainz-Bingen statt. Ziel des Abends war es, über die zukünftige Entwicklung der Christuskirche, der Kaiserstraße und ihres städtebaulichen Umfelds zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie ein öffentlicher Raum entstehen kann, der gleichzeitig offen, lebendig, sozial zugänglich und qualitätsvoll gestaltet ist.

Zu Beginn begrüßte Ina Seddig, Werkbundmitglied und Sprecherin der Kammergruppe Mainz/Mainz-Bingen, die Gäste. Sie verwies auf die OASE26 als Projekt, das Räume öffnen und Menschen zusammenbringen möchte. Besonderer Dank galt der Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz und der Evangelischen Kirchengemeinde, die als Partner an der Veranstaltung beteiligt waren und die Christuskirche als Veranstaltungsort zur Verfügung stellten.

Anschließend wurde die historische Bedeutung des Deutschen Werkbunds erläutert. Der 1907 gegründete Werkbund setzte sich ursprünglich dafür ein, Kunst, Industrie und Handwerk miteinander zu verbinden und qualitativ hochwertige sowie funktionale Produkte für breite Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Aus dieser historischen Aufgabe wird eine Verbindung zu heutigen Fragestellungen hergestellt: Während früher beispielsweise die Gestaltung alltäglicher Gegenstände im Mittelpunkt stand, geht es heute zunehmend um die nachhaltige und lebenswerte Gestaltung von Städten und öffentlichen Räumen.

Einen ersten visuellen Zugang zum Thema bot die Ausstellung des Mainzer Medienkünstlers und Fotografen Seweryn Żelazny. Er setzte sich künstlerisch mit der Christuskirche und ihrem städtebaulichen Umfeld auseinander. Seine Arbeiten lenkten den Blick auf architektonische Details, Symmetrien und die verborgenen Geschichten des Ortes. Besonders Augenmerk hat dabei der Drohnenflug entlang der gesamte Kaiserstraße vom Kreyßig-Flügel bis über die Christuskirche hinaus zu unterschiedlichen Jahreszeiten.

Im Anschluss richtete sich der Fokus auf die städtebauliche Bedeutung der Christuskirche und der Kaiserstraße. Die Kirche wurde dabei als traditioneller Ort der Ruhe und Einkehr beschrieben, während sich ihr Umfeld zunehmend dynamisch und von Verkehr geprägt verändert. Unter dem Leitmotiv „Kaiserstraße – Wohnzimmer der Gesellschaft“ sollte diskutiert werden, wie die Qualitäten eines Rückzugsortes erhalten und gleichzeitig ein lebendiger öffentlicher Raum für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen geschaffen werden kann.

Den inhaltlichen Auftakt der Diskussion bildeten Impulsvorträge von Dr. Eva Riempp und Dr. Björn Hekmati. Eva Riempp brachte ihre Perspektive aus Stadtforschung und interdisziplinärer Stadtentwicklung ein, während Björn Hekmati als Stadt- und Mobilitätsforscher sowie Kommunalberater für Leitbildentwicklung insbesondere Fragen der Kernfrage des „Wohnzimmers“ auf den Grund ging.

An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen außerdem Pfarrerin Eva Lemaire von der Evangelischen Kirchengemeinde Mainz-Innenstadt, Stefan Heinig vom Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN sowie Christoph Hand, Ortsvorsteher der Mainzer Neustadt, teil. Damit wurden kirchliche, stadtgesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Perspektiven miteinander verbunden.

Die Diskussion gliederte sich in mehrere Themenbereiche. Im ersten Block stand das Konzept des „Wohnzimmers“ und die Attraktivität des öffentlichen Raumes im Mittelpunkt. Dabei ging es unter anderem um das Verhältnis zwischen kirchlicher Nutzung und öffentlichem Raum sowie um die Frage, wie ein öffentlicher Ort gestaltet werden kann, damit er möglichst vielen sozialen Gruppen offensteht. Auch die Übertragung der zunächst temporären Idee der OASE26 in ein langfristiges städtebauliches Leitbild wurde thematisiert.

Der zweite Themenblock beschäftigte sich mit Bürgerbeteiligung und Gemeinwesenorientierung. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie möglichst unterschiedliche Gruppen des Quartiers in die Entwicklung des Ortes einbezogen werden können. Dabei wurde insbesondere darauf hingewiesen, dass Beteiligungsprozesse nicht nur die bereits etablierten und besonders aktiven Gruppen erreichen sollten. Jugendliche, Familien und Menschen mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen sollten ebenfalls Möglichkeiten erhalten, ihre Vorstellungen einzubringen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Themen Nutzungskonflikte, Klima und Mobilität. Diskutiert wurden insbesondere die Auswirkungen des starken Autoverkehrs rund um die Christuskirche sowie die Frage, wie die Kaiserstraße und die angrenzenden Grünflächen stärker als Aufenthalts- und Begegnungsräume genutzt werden könnten. Gleichzeitig wurden Zielkonflikte zwischen intensiver Nutzung, Klimaanpassung, Grünraumschutz, Verkehr und Denkmalschutz angesprochen.

Anschließend wurde das Publikum ausdrücklich in die Diskussion einbezogen. Die Besucherinnen und Besucher konnten Fragen, Sorgen und eigene Ideen zur zukünftigen Entwicklung des „Wohnzimmers“ an der Christuskirche einbringen. Die Fragen sollten gesammelt und gezielt an die jeweiligen Fachleute auf dem Podium weitergegeben werden.

Zum Abschluss stand der „Mut zum Experiment“ im Mittelpunkt. Die Podiumsteilnehmenden sollten jeweils eine konkrete, kurzfristig umsetzbare Idee oder ein Pop-up-Experiment für die Kirche oder die angrenzende Grünfläche formulieren. Damit sollte die Diskussion von langfristigen Visionen auf konkrete und möglicherweise unmittelbar erlebbare Veränderungen übertragen werden. Interessanter weise kam die Idee des Freiluftkinos unter den Diskutanten sofort auf. Ein Schönes Projekt, dass in diesem Sommer sogar noch eine Chance auf Umsetzung hatte.

Die Veranstaltung endete mit einem Dank an das Podium und das Publikum. Die Idee des „Wohnzimmers der Gesellschaft“ wurde dabei als ein bereits begonnenes gesellschaftliches und städtebauliches Experiment verstanden, das über die Veranstaltung hinaus weitergeführt werden soll. Im Anschluss bestand Gelegenheit zum informellen Austausch.

Fazit

Die Veranstaltung stellte die Christuskirche und die Kaiserstraße als wichtigen öffentlichen, sozialen und städtebaulichen Raum in Mainz in den Mittelpunkt. Die zentrale Leitidee des „Wohnzimmers der Gesellschaft“ verbindet Fragen der Stadtgestaltung mit sozialen, kirchlichen, ökologischen und mobilitätsbezogenen Themen. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung offener Begegnungsorte, einer breiten Bürgerbeteiligung sowie die Notwendigkeit, langfristige städtebauliche Ziele mit konkreten Experimenten und lokalen Aktivitäten zu verbinden.

 

Verfasser
Deutscher Werkbund Rheinland-Pfalz e.V.

Rubrik
Berichte